Mit dem ersten Majordeal begann das Sterben
Der kurze Abriss über zehn Jahre Rapboard in Deutschland
Geschichtlich geht es im Hip Hop, ganz gleich auf welchem Kontinent, seit spätestens Mitte der 1990er Jahre hauptsächlich ums Geld. Vielleicht ist es nicht fair, dies pauschal zu behaupten, denn die Dunkelziffer derer, die Hip Hop tatsächlich aus Leidenschaft gemacht haben war vorhanden. Hip Hop ist tot, und nicht irgendwer, sondern wir alle sind daran Schuld.
Ich wollte an dieser Stelle darüber schreiben, wie traurig es mich stimmt, dass eine einst schöne Szene nicht mehr vorhanden ist, werde aber einen anderen, einen realistischeren Ansatz wählen. Im Sommer 2007 begann ich, alte Kontakte wiederzubeleben. Ich stellte dabei fest wie schwer dies geworden war. Das Gesprächfinden offenbarte die Herausforderung, die man eingeht, wenn man ein Klassentreffen auf die Beine stellen will.
Wenn du die erste Nummer auf der Liste wählst, und direkt mit einem “Anschluss nicht vergeben” als Ergebnis konfrontiert wirst, steigert das deine Motivation zum Weitermachen, weil du weisst, für eine gute Sache zu arbeiten.
Wenn nach zwei Wochen nur noch ein winziger Haufen von dem da ist, was dich einst umgab, beginnst du nachzudenken.
Ich merkte, das die Menschen mit denen ich tagein, tagaus einherging nicht mehr wie einst waren. Es gab diesen einen Produzenten nicht mehr, jedenfalls nicht um 14 Uhr wochentags. Aus ihm ist geworden, was er vor Jahren nicht glaubte. Bänker. Auch der DJ, der sonst Stunden pro Tag damit zu brachte sein Samplearchiv auf Vordermann zu bringen, war auf wundersame Weise zum Sachbearbeiter einer Versicherungsgesellschaft mutiert.
Nach über einem Jahr der Entscheidungsfindung bin ich nicht unglücklich darüber, dass das Meiste von dem, was um mich war, nicht mehr existiert.
In Wahrheit ist es noch da. Ich habe verstanden, die Menschen als den größten Schatz zu sehen, und nicht Pseudonyme, Treffen in verrauchten Studios, Produzentenbüros in Kellergewölben unter Fahrradläden oder verkrampftes Symbolezaubern mit diversen Fingern der Hand.
Alle sind noch da, ich habe alle wiedergefunden. Es ist wie 1998.
Jeder ist älter geworden, hat seinen Weg im Leben gefunden und festgestellt, dass es nicht funktionieren kann, jahrzehntelang den gleichen Idealen hinterher zu laufen.
Hip Hop funktioniert heute nur noch so wie es Pop, Rock und Elektro schon Jahre länger tun. An Reißbrettern von Medienunternehmen und im allgegenwärtigen Klingeltonfernsehen.
Was haben wir uns damals gefreut, als die Werbeabteilung eines Schuhherstellers anrief, um einen Track für einen TV-Spot zu verwenden. Heute ist das nichts mehr wert, der Sound ist allgegenwärtig.
Seit Jahren wird Rap mit Elektro gemischt, das was irgendwann Revolution war, ist heute das einzige, was mir über den Weg läuft. Es gibt keine Innovationen mehr, und selbst wenn, sie würden nie wieder das auslösen, was hinter uns allen liegt.
Hip Hop, und das besprachen wir bereits zum Start dieses Forums 1996, ist eine Modeerscheinung. Nach 13 Jahren ist dies bewusster denn je. Wir haben die besten und größten Plattenlabels der 80er Jahre sterben sehen, selbst große Marken aus deutschsprachigen Landen haben sich in leerstehende Büroräume verwandelt.
Es ist alles da gewesen was möglich ist. Es kann keine neue Welle geben. Rapper schreiben heute Bücher, sitzen in Jurys von Castingshows oder lassen sich in “Ich suche eine Frau”-Shows durch die Medien ziehen. Es ist gut zu wissen, dass viele von denen, die mir die Hand geschüttelt haben, auf Grundlage ihres Tuns in den 80er und 90er Jahren, noch immer Geld verdienen, es ist aber genauso gut zu sehen, dass all die anderen fest im Leben stehen. Der Eine hat letzens gesagt, sich für sein Kind und gegen Zeit mit seinem Textbuch entschieden zu haben, sei das Beste was ihn je passiert ist. Den gleichen Kerl habe ich damals vor Freude im Kreis hüpfen sehen, als der (Knebel)vertrag mit der vierbuchstabigen-Plattenfirma unterzeichnet war.
Ich danke allen Personen, die seit 1996 (Rapboard.de firmierte die ersten drei Jahre als Teil des Magazins “Westcoast-Zine” und des Berliner Ablegers WCZ-Berlin) am Aufbau dieses Forums beteiligt waren. Vielen Dank an Henning und Prone, ohne die es niemals ein deutschsprachiges Rapboard.de gegeben hätte. Namentlich Rapboard.de, wird das Projekt dieses Jahr im Spätsommer seinen zehnten Geburtstag feiern.
All ihr Altgewordenen, meldet euch, lasst uns eine kleine Geburtstagsparty feiern!
Force (force at dreiundsiebzig.eu)
Hamburg, den 31. März 2009
P.S. 3455 Tage lang haben wir Polarisiert und oft Prügel eingesteckt, in einer jungen, identitätsuchenden Szene. Viele von uns sind mit diesem Projekt gewachsen, viele Karriere sind entstanden, Beats und Samples wurden gebastelt oder vor Wut gelöscht. Leben wir im Jetzt und erinnern wir uns gemeinsam an das angeblich bessere Früher.
Links zum Artikel:
Rapboard.de – das Forum ist noch lesbar zu erreichen
Rapboard.de-Logo-Showroom (1996 bis 2003)
http://www.rapboard.de/sampler/
http://www.rapboard.de/wallpaper/
Der Tod von icecube – Rapboard.de-Member der ersten Stunde
Videos zu Rapboard.de:
http://video.google.com/videoplay?docid=-7400646614048332487
Die Szene in der Szene
Deutschland war überheblich, aber nicht mit Absicht, sondern weil die Situation neu war.
Eine Fläche von rund 600 x 1000 km versuchte “Little USA” zu spielen und hat das große Vorbild in allem kopiert. Zu spät haben wir dabei erkannt, dass es nicht funktionieren kann, wenn sich verschiedene Himmelsrichtungen gegenseitig versuchen, auf die Hörner zu nehmen.
Im Norden Hamburg, im Süden Stuttgart/Frankfurt, östlich Berlin und im Westen nichts Neues.
Die nicht vorhandene Konsequenz des “böse verfeindete Szene spielen” gipfelte in “Glanzzeiten” damit, dass sich deutschsprachige Rapper im Nachmittagsmusikfernsehen gegenseitig beleidigten. Halt, das ist nicht präzise, denn in Wahrheit sah man immer nur eine Fraktion auf dem Schirm, direkte Konfrontation gab es nicht.
Warum haben wir nicht einfach gemacht, was wir angeblich so lebten und liebten. Rein ins Auto, losdüsen und in der Mitte in einer großer Cypher treffen und Ernst machen. Mit Worten versteht sich.
Es kam auch nichts nach, was die Freude und den Glauben hätte aufrecht erhalten können. Das haben wir nämlich selbst zu verantworten. Beispiel: Uns hat doch gar nicht interessiert, wenn ein Jüngerer kam und Interesse an Hip Hop zeigte. Im Maximum wurde er direkt im Keim erstickt, weil er verschiedene Namen von Künstler (der alten Schule) nicht kannte. “Du kennst die nicht, ey Mann, die sind Kult in der Szene, die waren Vorreiter.”.
Wir gaben den jungen keine Chance, oder nur kleine, sich in unsere Traumwelt zu integrieren. Wie hätten sie denn auch wissen sollen, was es früher noch gab, es hat ihnen ja keiner erzählt.
Ein Teufelskreis, der viel zum Einsturz brachte, wilde Jahre einfach Abebben liess und in Köpfen verblassen. Jetzt, wo alle von “Früher” erwachsen geworden sind, fällt uns auf, was falsch gelaufen ist. Das Leben lehrt aber, und man muss solche Erfahrungen machen um das Leben zu verstehen.